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Parlamentarische Gedenkstunde des Landtags des Saarlandes aus Anlass des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2022 - REDE VON HERRN PROF. DR. RIXECKER

27.01.2022

REDE von Herrn Prof. Dr. Rixecker

Herr Präsident! Meine Damen und Herren Abgeordnete und Mitglieder der Landesregierung! Sehr verehrte Frau Dr. Knobloch! Gedenken ist ein fragiles Unternehmen. In diesen Tagen mahnt im Angesicht der millionenfachen Morde des nationalsozialistischen Terrors einmal wieder ein deutscher Historiker in einer namhaften Zeitung, doch endlich zu vergessen und die - man kann es minimalistischer gar nicht ausdrücken – die „Untaten“, wenn überhaupt, sachlich und nüchtern zu betrachten, die unaufhörlichen Präsentationen der Schande zu beenden. - Man erträgt solche Worte kaum, aber viele, so wissen wir, spenden ihnen Beifall.

Der große amerikanische Schriftsteller James Baldwin hat, das Schicksal der schwarzen Amerikaner in ihren Gettos betrachtend, geschrieben: Geschichte ist nicht Vergangenheit, sie ist Gegenwart. Wir tragen unsere Geschichte mit uns. Wir sind unsere Geschichte. - Welch tiefe Wahrheit diese Worte gerade im Angesicht der Shoah haben, wie grundverkehrt und wirklichkeitsfern alle Versuche sind, die im Rauch über den Krematorien verflogenen Gräber der Ermordeten aufzulassen und ihre Asche auf den Feldern von Auschwitz, Sobibor oder Treblinka in ein namensloses Nichts sickern zu lassen, zeigt sich, wenn wir redlich mit uns selbst sind. Vergangenheit ist nicht vergessen und kann gar nicht vergessen werden. Sie ist uns allen gegenwärtig, so sehr sich manche um einen Schlussvorhang bemühen. Sie ist gegenwärtig auch denen, die für Vergessen plädieren.

Natürlich, kaum ein Täter lebt noch, Zeitzeugen gehen von uns. Aber die seelischen Verletzungen der Vernichtungsorgien leben fort, wirken fort. So lesen wir heute die Erinnerungen der unter uns lebenden Kinder und Enkel von Tätern, des Sohnes des Schlächters von Polen, der Enkelin des Kommandanten des KZ Płaszów, die sich mit ihrem verseuchten Erbe aufrichtig quälen. Das ist also gegenwärtig. Nicht bei jedem in Deutschland natürlich, aber bei manchem. So lesen wir heute die mit ihrer Kindheit verwobenen Erinnerungen der unter uns lebenden Nachkommen der jüdischen Opfer, die Erinnerungen an die Erzählungen in ihren Familien, von den Selektionen an der Rampe nach den sofort zu tötenden Kindern und Alten und den für ein paar Wochen noch arbeitsfähigen Männern. An die Erzählungen von den Blicken eines Arztes auf geeignete menschliche Objekte für seine abartigen Versuche, von den Peitschen der Wachleute, von den ersten Unternehmen des NS-Staates, in den Gaskammern zusammengepferchte jüdische Menschen mit Dieselabgasen über Stunden hinweg zu ersticken. Wir lesen vom Hunger, von Folter und vom Geruch brennenden Fleisches.

Davon lesen wir, dass Überlebende nach dem Ende des Terrors vor ihren Kindern nur schweigen konnten und erst Jahre später begonnen haben, sich ihren Enkeln, unseren Mitbürgern, zu öffnen. Die Erinnerungen an diese Erzählungen sind also gegenwärtig in Deutschland. Die Zeitzeugenschaft ist zeitlos in den Familien der Nachkommen und auch in jenen mancher Täter. Sie ist und bleibt ein Teil der eigenen, unserer Identität.

Und was anderes als die Gegenwart von Vergangenheit ist es, wenn wirre Köpfe Kerzen auf Stolpersteine stellen und sich den jüdischen Mordopfern gleichgestellt sehen durch den Versuch des Staates, uns alle vor einem tödlichen Virus zu schützen? Was ist es anderes als die Gegenwart von Geschichte, wenn Rapper skandieren, ihr Körper sei definierter als der ausgemergelte Körper von Auschwitz-Insassen? Und wenn sie rufen: „Macht doch mal wieder einen Holocaust“? Was ist es anderes als Gegenwart, wenn Internetspiele Highscore-Tabellen nach der Zahl der getöteten Juden anbieten und Todeslisten abrufbar sind im Internet, die zur Priorisierung des Mordaufrufs den Zielnamen „Davidsterne“ beifügen?

Geschichte ist nicht Vergangenheit, wir tragen sie mit uns. Das zeigt aber nur, dass die Erinnerung gegenwärtig ist, sagt aber noch nicht, warum es eigentlich nicht genügt, sie in Geschichtsbüchern zu referieren, warum wir grausame Geschichten erzählen und furchtbare Bilder brauchen, warum wir uns nicht abwenden dürfen. Ich mute Ihnen das jetzt zu, es ist nur eine von ungezählten Überlieferungen: Die Enkelin zweier ihrer das Konzentrationslager überlebender Großeltern mit Verbindungen nach Saarbrücken spricht in dem kleinen Band „Leben mit Auschwitz“ über eine der vielen unerträglichen Geschichten, die wir, so meine ich, ertragen müssen. Ihr Großvater - sie hatte ihn sehr geliebt, sie hatte erlebt, wie er die Last der Erinnerung kaum mehr ertragend auf seiner Bettkante gesessen und eine Schusswaffe gegen sich gerichtet hatte - hatte ihr Folgendes erzählt, und sie erzählt es weiter als Teil ihrer eigenen Geschichte. Mein Opa, so sagt sie, ist mit Frau und Kindern nach Auschwitz gekommen. Aus dem Viehwaggon gezerrt, hatte er das jüngste Kind, ein Baby, auf dem Arm, das hat bitterlich geweint. Ein Mann der SS hat es ihm wegnehmen wollen. Da hat er gesagt: „Lassen Sie mich es doch kurz beruhigen“, und der SS-Mann hat erwidert: „Keine Sorge, ich beruhige es schon.“ Er hat das Baby an den Beinen weggerissen und mit dem Kopf gegen den Viehwaggon geschlagen. Es war sofort tot. Mein Opa, so erzählt seine Enkelin, hat mir in meiner Kindheit nicht viel erzählt. Das mit dem Baby, das immer wieder. - Das gehört zu den wachen Albträumen unserer heute Lebenden.

Warum tun wir uns solche Geschichten an? Zwei Gründe sind es, weswegen wir es nicht tun. Der erste: Vergangenheit bewältigen. Vergangenheit kann nicht bewältigt werden! Der zweite: Schuld bekennen. Schuld trägt, wer ein Verbrechen begangen hat, Schuld wird nicht vererbt, Schuld trägt kein Kollektiv, kein Volk von Nachfahren. Nicht-schuldige Nachfahren haben nichts zu sühnen. Aber wir alle in Deutschland, das ist schon gesagt worden, tragen Verantwortung dafür, dass wir keine neue Schuld, keinen neuen grauenvollen Hass auf andere Menschen auf uns laden, dass wir sie ausgrenzen, verfolgen und verletzen, nur weil sie eine andere historische Identität, eine andere Kultur, eine andere Religion haben. Wir tragen Verantwortung dafür, Vorkehrungen zu treffen, damit die Zeiten der Finsternis nicht wiederkehren und das Gift, das zur Shoah geführt hat, nicht wieder schleichend zu wirken beginnt.

Geschichte wird sich - so sind wir gewiss, vielleicht ein bisschen bange - so nicht wiederholen, aber sie kann wie ein Virus wiederkehren, wandlungs- und anpassungsfähig, und unser Immunsystem auf die Probe stellen. Und diese Probe müssen wir Heutigen bestehen, wenn wir die Unantastbarkeit der Menschenwürde und Freiheit und Frieden bewahren wollen.

Zwei Gründe sind es daher umgekehrt, weswegen wir nicht vergessen dürfen: Weil wir gerade auch wissen, dass es nicht einen Täter gab, sondern Hunderttausende, dass es nicht einen Mitwisser gab, sondern Millionen mitgewusst oder mitgeahnt haben, weil es nicht nur SS und Gestapo gab, sondern Heerscharen von Mitläufern, Gehilfen oder Wegschauenden. Das Protokoll der Wannseekonferenz beweist es amtlich, dass es hohe Offiziere, hohe Beamte gab - ausgebildet und aufgewachsen in einer demokratischen Republik -, deren Sorge nicht dem Sterben der Menschen in Auschwitz galt, sondern seiner Perfektionierung! Und allenfalls noch der seelischen Gesundheit derer, die das Zyklon B in die Schächte geworfen haben.

Was fehlte eigentlich solchen Menschen, den Hunderttausenden damals? Ich frage mich das immer wieder. Es war nicht das Wissen um das Verbrecherische ihres Tuns, das gefehlt hat, sonst hätten sie ja nicht versucht, es zu verbergen. Was ihnen fehlte, war auch nicht nur der Mut, zu widerstehen - das auch. Was fehlte, war vor allem jegliche Empathie, jegliches Mitgefühl mit dem Leiden anderer, jeglicher Respekt vor dem Leben und der Würde der geschundenen Opfer. Was fehlte, war Herzensbildung. Die hat man nicht, die muss man lernen.

Und wenn wir nicht von den heutigen Verletzungen, sondern von dem wildgeifernden Hass im Netz lesen, von dem Zehntel unserer Mitmenschen, die manifeste Antisemiten sind, von dem Fünftel, die es latent sind, dann wissen wir: Es ist an der Zeit, am Mut und an der Herzensbildung zu arbeiten. Und dazu genügen keine historischen Seminare. Der Grund für die grausamen Bilder und die grausamen Geschichten ist für mich eine große Hoffnung und ein großes Vertrauen, das der Auschwitzüberlebende und israelische Künstler Jehuda Bacon wunderbar formuliert: Man kann die Menschen für das Gute erschüttern.

Ein Zweites, nicht minder Wichtiges, gebietet uns, zu erinnern. Nach Halle hat eine junge amerikanische Rabbinerin, die dabei gewesen war, von der Angst jüdischer Menschen in Deutschland berichtet. Und sie hat dann ihre jüdischen Mitmenschen aufgerufen, zu leben, lebendig ihre Kultur und ihren Glauben auszuüben. Sie hat aufgerufen zu: „Chai“ - Leben!

Dazu beizutragen, gehört zu unser aller Verantwortung. Gedenken bedeutet daher auch, uns an die Seite der heutigen Nachfahren früherer Opfer und an die Seite der heute mit uns Lebenden zu stellen. Micha Brumlik hat das einmal treffend genannt: Gedenken heißt, erinnernde Solidarität zu zeigen. - Für die Kraft, Menschen zum Guten zu erschüttern und für die Bereitschaft, uns an die Seite derer zu stellen, zu deren seelischen Sedimenten die Verfolgung und Vernichtung ihrer Vorfahren gehört, für erinnernde Solidarität, für die Kraft einer freiheitlichen Demokratie des Respekts, dafür ist anschauliche Erinnerung, dafür sind Tage wie dieser unverzichtbar! - Ich danke Ihnen.

(Anhaltender Beifall.)

Rede von Herrn Prof. Dr. Rixecker als PDF-Datei zum Herunterladen
Rede Parlamentarische Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus 2022 (85 KB)

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